Der Sommer 2020 war geprägt von Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt. Nachdem Polizisten in den USA George Floyd am 25.05.2020 ermordet hatten, erhob die „Black Lives Matter“-Bewegung weltweit und lautstark ihre Stimmen. Auch in Wien gab es mehrere Black-Lives-Matter-Demonstrationen, an denen sich tausende Personen beteiligten.
Die antirassistischen Proteste prangerten aber nicht nur rassistische Polizeigewalt an, sondern übten auch breite Kritik am diskriminierenden Normalzustand in den USA und darüber hinaus. Zum Ziel dieser Kritik wurden schließlich auch Statuen von Rassisten, Sklavenhändlern und Konföderierten. Ob die Statue von Christopher Columbus in Richmond (Virginia), Edward Colston in Bristol (UK) oder König Leopold II in Brüssel (Belgien). Weltweit wurden derartige Statuen von Demonstrant*innen von ihren Sockeln gestoßen oder nach Protesten von Behörden abmontiert.
Auch Wien wurde im Kontext dieser Entwicklungen Schauplatz einer politischen Auseinandersetzung rund um ein umstrittenes Ehrenmal.
Anfang Juni 2020 wurde das Denkmal für den Antisemiten und ehemaligen Wiener Bürgermeister, Karl Lueger, durch das Auftauchen eines pinken Farbflecks Teil dieser Debatte. Dies sollte aber nur die erste von zahlreichen Beschädigungen, Beschmierungen und Interventionen an diesem – mittlerweile auch Schandmal genannten – Ehrenmal sein. Die Debatte um dieses Denkmal trägt seither zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit der antisemitischen Vergangenheit und Gegenwart Österreichs bei.
Im Folgenden soll versucht werden, eine möglichst vollständige Dokumentation der Beschädigungen, Interventionen, Veranstaltungen und Proteste am Dr.-Karl-Lueger-Platz an der Wiener Ringstraße zusammenzutragen:
07. September 2019: Die neofaschistischen Identitären beenden eine rassistische Kundgebung in Erinnerung an die sogenannte „Schlacht am Kahlenberg“ (12.09.1683) am Dr.-Karl-Lueger-Platz vor dem gleichnamigen Denkmal. Antifaschist*innen demonstrieren vor Ort dagegen.




07. März 2020: Kundgebung des rechtsextremen „Verein Okzident“ gemeinsam mit den neofaschistischen Identitären unter starkem Gegenprotest.




Anfang Juni 2020: Die erste Beschmierung des Ehrenmals durch Anbringen von pinker Farbe.




Mitte Juni 2020: Ein Absperrband wird um den Sockel gewickelt.




Anfang Juli 2020: Auf den Sockel der Statue wird mehrmals das Wort „Schande“ gesprüht.




5. Oktober 2020: Goldfarbene Buchstaben werden auf zwei Schriftzüge am Sockel des Ehrenmals angebracht.




5. Oktober 2020: Eine Gruppe Studierender und antifaschistischer Aktivist*innen hält zum ersten Mal eine „Schandwache“ vor dem Denkmal ab. An diesem ersten Tag der „Schandwache“ beteiligen sich die „Jüdische österreichische Hochschüler:innen“ und „Sodom Vienna“.




5. Oktober 2020: Neofaschist*innen und Rechtsextreme versammeln sich beim Denkmal und kündigen an, dieses in der Nacht beschützen zu wollen.




6. Oktober 2020: Zweiter Tag der Schandwache an dem sich das Theaterensemble „Nesterval“ sowie die jüdische Jugendorganisation „Hashomer Hatzair Vienna“.




07. Oktober 2020: Abschlusskundgebung der Schandwache.




Juni 2021: Die Figur eines pinkelnden Hundes wird auf dem Sockel des Ehrenmals abgestellt.




Anfang April 2022: Als neue Art der Intervention werden Kloschüsseln auf dem Denkmal platziert.




Anfang Mai 2022: Das Relief im hinteren Teil des Sockels wird beschmiert. Auf die Gesichter der Figuren im Relief werden Hitlerbärtchen in schwarzer Farbe gemalt. Die im Relief dargestellte Szene soll Karl Lueger (links im Bild) gemeinsam mit Arbeitern zeigen. Das Relief beinhaltet auch ein Selbstbild des Künstlers Josef Müllner (Dritter von rechts).




16. Mai 2022: Auftaktkundgebung einer Reihe an Kundgebungen der „Jüdischen österreichischen Hochschüler*innenschaft“ (JÖH) gemeinsam mit der Universität für Angewandte Kunst Wien sowie mit der Hochschüler_innenschaft an der Universität für angewandte Kunst (hufak). Ziel der Kundgebungsreihe ist die Umbenennung des Dr-Karl-Lueger-Platzes.




Anfang Oktober 2022: Kleinere Schmierereien und Sticker am Sockel des Ehrenmals. Auch die Stufen rund um den Sockel werden mit dem Wort „ANTISEMIT“ beschmiert.




12. Oktober 2022: Eröffnung der Installation „Lueger Temporär“. Am Tag der Eröffnung gibt es Gegenprotest der jüdischen österreichischen Hochschüler*innenschaft, ihre Forderung: “Antisemitismus thematisieren, nicht bunt dekorieren.”




Mitte Oktober 2022: Die Kunstinstallation „Lueger Temporär“ von den Künstler*innen Nicole Six und Paul Petritsch wurde am Platz und der Wiese vor dem Ehrenmal aufgebaut. Die Kunstinstallation, die von der Stadt Wien mit 100.000 € finanziert wurde, stellt keinen Bruch mit der Ehrung des Antisemiten Luegers dar. Vielmehr ergänzt sie das bereits bestehende Ehrenmal um weitere Lueger in Wien gewidmete Ehrungen in Form von Statuen, Brunnen, Reliefs etc.




Ende Oktober 2022: Der Sockel wird erneut mit Schriftzügen beschmiert. Der hintere Teil des Sockels wird mit rosa Farbe angeschüttet. Auch Teile der Kunstinstallation „Lueger Temporär“ werden beschmiert.




Anfang November 2022: Der Beschreibungstext der Kunstinstallation „Lueger Temporär“, der auf einem Betonfundament des Holz-Gerüsts angebracht ist, wird an mehreren Stellen geändert. Erwähnenswert hierbei erscheint speziell eine Textpassage, die die Bewertung des Ehrenmals seitens der Künstler*innen Nicole Six und Paul Petritsch, der „Kunst im Öffentlichen Raum“ (KÖR) sowie der dahinterstehenden Stadt Wien besonders hervorhebt. In der ersten Version des Textes steht geschrieben, die Denkmalanlage sei „zu Ehren des von 1897 bis 1910 amtierenden Wiener Bürgermeister Karl Lueger“ errichtet. In der neuen Version steht, die Denkmalanlage sei „zur Erinnerung“ an Karl Lueger errichtet worden. Was wie eine geringfügige Änderung wirken kann, zeigt, wie die an der Kunstinstallation beteiligten Akteur*innen aller Kritik zum Trotz versuchen, die Bedeutung des Lueger-Ehrenmals weniger negativ darzustellen.




Ende November 2022: Mehrere Kanister Bitumen werden auf den Sockel der Statue geleert.




Ende November 2022: Das „Jüdische Museum Wien“ bringt Zitate von Karl Lueger am Holzgerüst der Kunstinstallation „Lueger Temporär“ an.



Mitte Januar 2023: Ein Text von den Künstler*innen Nicole Six und Paul Petritsch wird an das Holzgerüst der Kunstinatallation „Lueger Temporär“ angebracht. Weiters werden einzelne Zettel, die das Jüdische Museum zuvor angebracht hatte, abgerissen und eine queerfeindliche Parole an den Sockel des Ehrenmals geschrieben.




25. Januar 2022: Die queerfeindliche Parole wird vom Sockel des Ehrenmals entfernt.



Mitte März 2023: Der Sockel wird mit den Worten „Antifa“ und eine Figur eines Reliefs mit dem Wort „Nazi“ beschmiert.




Ende Mai 2023: Das gesamte Ehrenmal wird mit blauer Farbe angeschüttet. Einer Figur eines Reliefs wurde eine FFP2-Maske über das Gesicht gezogen.




31. Mai 2023: Das Konzept „Schieflage“ gewinnt einen von der Universität für Angewandte Kunst ausgeschriebenen Wettbewerb zur Umgestaltung des Lueger-Denkmals. Das Denkmal soll um 3,5 Grad geneigt werden, um den „Anspruch auf Monumentalität“ zu brechen. Zudem soll eine neue Tafel zur Kontextualisierung des Denkmals angebracht werden. Die Entwürfe für die Kontextualisierung wurden im Wiener Planungswerkstatt ausgestellt.




Anfang September 2023: Eine Figur im Relief im hinteren Teil des Sockels wird mit zwei Hakenkreuzen beschmiert. Die beschmierte Figur stellt einen Arbeiter dar, der Karl Lueger die Hand schüttelt.




Mitte September 2023: Ein Transparent mit der Aufschrift „SMASHED TO PIECES (IN THE STILL OF THE NIGHT)“ wird zwischen dem Lueger-Ehrenmahl und der Kunstinstallation „Lueger Temporär“ aufgehängt. Weiters werden vom „Jüdischen Museum Wien“ neue Zitate von Karl Lueger am Holzgerüst der Kunstinstallation „Lueger Temporär“ angebracht.




Mitte November 2023: Auf den Sockel wird „SMRT FAŠISMU!“ und „HUSO“ gemalt sowie ein Sticker mit der Aufschrift „ANTIFASCHISTISCHE BERGFREUND*INNEN WIEN“ an den Sockel geklebt.




Mitte Dezember 2023: Ein Gerüst wird rund um das Lueger-Ehrenmal errichtet.




27. Januar 2024 (Internationaler Holocaust Gedenktag): In der Nacht benennen jüdische Aktivist*innen den Dr.-Karl-Lueger-Platz durch das Anbringen von nachgedruckten Straßenschildern in den „Platz der gescheiterten Erinnerungskultur“ um.




Anfang März 2024: Ein Transparent mit der Aufschrift „PROTEST ARCHITEKTUR TANZT IM WIND“ wird in die Platane hinter dem Lueger-Ehrenmal gehängt.



Anfang Juni 2024: Kleinere Schmierereien am Sockel des Ehrenmals. Auf dem Relief auf der hinteren Seite des Sockels wird ein Sticker mit der Aufschrift „FIGHT ALL FORMS OF ANTISEMITISM“ angebracht.




Ende Juli 2024: Teile vom Sockel werden abgeschlagen.




Mitte November 2024: Ein Dildo wird in die Hände der Sockelfigur gelegt, die einen alten Mann darstellt.



26. Juli 2025: Die neofaschistischen „Identitären“ veranstalten eine Demonstration, die am Dr-Karl-Lueger-Platz startet.




November 2025: Der Sockel wird mit einem Davidstern bemalt sowie mit einem Sticker mit der Aufschrift „widersetzen“ beklebt.




12. Januar 2026: Anfang der Abbauarbeiten des Ehrenmals im Auftrag der Stadt Wien. Angestellte des „Steinmetzbetriebs Ecker“ beginnen mit der Umzäunung des Ehrenmals.




14. Januar 2026: Rund um das Lueger-Ehrenmal wird ein Baugerüst errichtet.




15. Januar 2026: Das Lueger-Ehrenmal ist für die Abbauarbeiten eingerüstet.




20. Jänner 2026: Am Bauzaun rund um das Ehrenmal wird ein grün gestrichener Sichtschutz aus Holz angebracht.




27. Jänner 2026, Internationaler Holocaust-Gedenktag: Jüdische Aktivist*innen hüllen das Ehrenmal in der Nacht mit Schwarzer Folie ein. Ein Transparent mit der Aufschrift „ABREISSEN | לפרק“, das im Rahmen der Aktion am Baugerüst entrollt wurde, wird von Polizist*innen entfernt. Im Rahmen einer Medienaktion wird das Transparent kurzzeitig auf dem Sichtschutz der Baustelle angebracht.
In einem auf Instagram veröffentlichten Video der Aktion beklagen die Aktivist*innen, dass die Stadt Wien, der Kritik und den Protesten von Shoah-Überlebenden und der Jüdischen Gemeinde zum Trotz, das Ehrenmal reinigen und um 3,5° neigen lassen will. Sie fordern eine Entfernung des Lueger-Ehrenmals, eine Umbenennung des Platzes und die Errichtung einer Holocaust-Gedenkenkstätte an diesem Ort.




29. Jänner 2026: Am Morgen des 29.01. wurde die Statue Luegers durch Bauarbeiter:innen vom Denkmal getrennt und per Kran vom Sockel gehoben. Anschließend wurde die Statue auf Paletten bebettet abtransportiert. Im Anschluss daran wurden die Arbeiten zum temporären Abtragen des Denkmals am Sockel fortgesetzt.








9. Februar 2026: Die ersten Kalksteinplatten werden vom oberen Teil des Sockels getrennt und am Boden abgelegt.




10. Februar 2026: Die Sockelfiguren werden vom oberen Teil des Sockels getrennt und am Boden abgelegt.




11. Februar 2026: Alle vier Sockelfiguren stehen am Boden. Die ersten Kalksteinplatten des unteren Teils des Sockels werden abgetrennt und per Kran gehoben. Einzelne Teile des Sockels werden auf einen LKW geladen.




13. Februar 2026: Alle Kalksteinplatten wurden vom Sockel abgenommen. Vom Lueger-Ehrenmal ist nur noch ein Stumpf aus Füllgestein übrig.






