Wien: Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen (20.11.2021)

Am 20.11.2021 fand in Wien die bisher größte verschwörungsideologische Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung statt. Bis zu 40.000 Personen nahmen an den Kundgebungen und Demonstrationen teil, die sich vom Vormittag bis in die Abendstunden zogen.

Ursprünglich hatten Gruppen und Einzelpersonen aufgerufen, die bisher schon regelmäßig als Veranstalter*innen solcher Veranstaltungen auftraten. Organisiert wurden die Kundgebungen maßgeblich von Hannes Brechjas Gruppe „Fairdenken“ sowie Martin Rutters „Corona Widerstand“.

Die kurz zuvor angekündigten Corona-Maßnahmen der Regierung mobilisierten massiv. Die Ankündigung eines Lockdown für Ungeimpfte, die Debatten über Triage in einzelnen Spitälern, sowie schlussendlich die Verkündung eines bundesweiten Lockdown für alle, sowie einer Impfpflicht, wirkten als Katalysator für die Mobilisierung.

Zur außergewöhnlich hohen Teilnehmer*innenzahl trug auch die Entscheidung der rechtsextremen FPÖ und ihres Bundesparteiobmanns Herbert Kickl bei, sich an den Protesten zu beteiligen. Wie bereits im Frühling 2021 sichtbar wurde, kann die Mobilisierung der FPÖ die Teilnehnmer*innenzahlen in die Höhe schnellen lassen.

Die Organisator*innen der Großdemonstration riefen dazu auf, sich um 12:00 Uhr im Bereich des Burgrings zu versammeln. Gleichzeitig fanden an verschiedenen Orten in der Wiener Innenstadt kleinere sowie größere Demonstrationen und Kundgebungen statt, die schließlich in der Großdemonstration um den Ring zusammenfanden.


Am Platz der Menschenrechte versammelten sich unter anderem die Bundesheergewerkschaft sowie die FPÖ. Am Minoritenplatz fanden sich christliche Fundamentalist*innen ein. Die Partei MFG sammelte sich am Schwarzenbergplatz.

Vor Beginn der Demonstration um den Ring kam es bereits zu ersten Ausschreitungen von Rechtsextremen gegen die Polizei. Es wurden Bierflaschen, Bierdosen und andere Gegenstände auf die Polizei geworfen, woraufhin zwei Personen festgenommen wurden.

Obwohl laut Ankündigung die Demonstration um die Ringstraße erst um 15:00 Uhr hätte starten sollen, ging sie bereits um ca. 14:00 Uhr los. An die Spitze stellten sich eine Gruppe aus etwa 50 rechtsextremen „Identitäre“, andere Rechtsextremen und organisierten Fußballfans hinter einem Banner, welche die Kritik an den Corona-Maßnahmen mit dem Thema „Grenzschutz“ verknüpfte und so rassistisch auflud. Das ermöglichte den „Identitäten“ eine Vereinnahmung der Demonstration mit ihrer Ideologie. Mit insgesamt drei großen Transparenten dominierten die neofaschistischen „Identitären“ die Kundgebung und schafften es auch, das Bild der Veranstaltung in der medialen Berichterstattung zu prägen. 

Mit zahlreichen vermummten Rechtsextremen, aggressivem Auftreten und viel Pyrotechnik machte der Frontblock einen militanten Eindruck. Neben Kadern der „Identitären“ und deren Tarn-Organisationen befanden sich im ersten Block der Demonstration auch etwa das Landesvorstandsmitglied der „Freiheitlichen Jugend Salzburg“ Roman Möseneder, der mutmaßlich eine Stichschutzweste trug. Der Landesobmann der burgenländischen „Freiheitlichen Jugend“ Peter Aschauer, sowie ein Funktionär der „Freiheitlichen Jugend Wien“, marschierten zeitweise im Frontblock. Auch einzelne Personen aus dem Umfeld des Neonazis Gottfried Küssel befanden sich in den Reihen der „Identitären“.

An der Demonstration nahmen zahlreiche Personen aus dem christlich-fundamentalistischen Spektrum teil. Diese beteiligten sich breits in der Vergangenheit als Teilnehmer*innen etwa am rechtsextremen „Marsch für die Familie“ oder am „Marsch fürs Leben“. Mehrere Personen trugen Kreuze, Ikonen oder Plakate mit religiösen Aufschriften mit sich.

Größer als bei vergangenen Kundgebungen gegen die Corona-Maßnahmen waren die Gruppen rechtsoffener bis rechtsextremer Fußballfans. Diese bewegten sich in Gruppen von bis zu dreißig Personen und beteiligten sich an Angriffen auf Journalist*innen und Polizist*innen.

Die größte Gruppe stammte aus der Fanszene des Wiener Klubs „FK Austria Wien“, dessen Kurve von großteils rechten Fanclubs dominiert wird. An der Demonstration nahmen unter anderem Angehörige folgender Gruppen teil: „Unsterblich“, „Fanatics“, „Sektion Inferno“, „KAI 2000“.

Auch aus der Fanszene des Wiener Klubs „SK Rapid“ nahmen mehrere Personen an der Demonstration teil. Zahlenmäßig ist die Beteiligung aus der organisierten Fanszene des „SK Rapid“ weitaus geringer als die des „FK Austria Wien“, jedoch über die vergangenen zwei Jahre genauso konstant. Die Ankündigung einer Impfplicht mobilisierte auch zusätzlich. Obwohl der „SK Rapid“ am Samstag spielte und die Fanszene eigentlich trotz 2G+ ins Stadion zurückkehrte, beteiligten sich mehr Rapid-Fans als bei früheren Demonstrationen. Auffällig war insbesondere eine verstärkte Beteiligung von jungen Mitgliedern der „Ultras Rapid“. An der Demonstration nahmen unter anderem Mitglieder folgender Gruppen teil: „Wiener Schlägerknaben“, „Ultras Rapid“, „Green Lions“.

Aus der Fanszene von „Blau Weiß Linz“ beteiligen sich ebenfalls regelmäßig eine Handvoll organisierte Fans an den verschwörungsideologischen Protesten gegen die Corona-Maßnahmen – wie auch am 20.11.2021.

Die Gruppe „Corona Querfront“ rund um Neonazi Gottfried Küssel war im Vergleich zu vorherigen Demonstrationen zahlenmäßig stärker beteiligt. Mit drei Transparenten und mehreren Fahnen waren sie ebenfalls besonders sichtbar.

Von den ersten bis zu den letzten Reihen der Demonstration waren verschwörungsideologische Botschaften allgegenwärtig zu lesen. Wiederholt wurden die Verbrechen des Nationalsozialismus verharmlost und der Holocaust relativiert. Ein Transparent trug etwa die Aufschrift: „UN please stop nazi group from Austria. 1940 Auschwitz. ‚Arbeit macht frei‘. 2021 Austria. Impfen macht frei. Polish Nation in Austria.“  Weiters wurde der österreichische Gesundheitsminister Mückstein mit dem KZ-Arzt Mengele verglichen, oder erneut Judensterne mit der Aufschrift „Ungeimpft“ getragen. Darüber hinaus wurden die neu verordneten Maßnahmen zur Eindämmung der Pandamie als Anfang einer Diktatur dargestellt, oder gar mit Faschismus oder Nationalsozialismus gleichgesetzt.

Wie bereits bei vergangenen Demonstrationen gab es erneut zahlreiche Angriffe auf Journalist*nnen. So haben beispielsweise die Kollegen Aaron Krasarek und Michhael Bonvalot von Vorfällen berichtet. Journalist*innen wurden bedroht und sogar mit Gegenständen beworfen, getreten oder mit Pfefferspray angegriffen.Weiters wurde auf der Demonstration ein Steckbrief verteilt, auf dem die Gesichter und die vollen Namen unliebsamer Journalist*innen abgedruckt waren. Dieser Steckbrief wurde unter anderem von einem rechtsextremen „Identitären“ Funktionär der „Freiheitlichen Jugend Wien“, der auch Mitglied der FPÖ Bezirksgruppe Wien Landstraße ist, verteilt.